Was Ihr wollt...

Kennen Sie die auch? Diese Sätze, die einem schlagartig die sorgfältig einstudierte Contenance aus dem Gesicht vertreibt und vorübergehend den Puls in schwindelerregende Höhen treibt?

Einer dieser Sätze war für mich jahrelange der Satz: "Du musst doch wissen, was Du willst." Echt, muss ich das? Es gab Phasen in meinem Leben, da hat mich das wirklich gestresst. Irgendwie wusste ich das aber nicht. Und wenn, dann erstreckte sich das Wissen eher auf die nächsten zwei Stunden als auf zehn Jahre oder gar mein Leben.

Ganz heftig war das in meinem ersten Studium. "Was willst Du denn mit dem Studium mal anfangen?" - keine Familienfeier ging ins Land ohne dass irgendeine Tante oder ein Cousin (und glauben Sie mir, ich habe da sehr viele von...) mich mit fragendem Gesicht ansah und von mir eine Antwort wollte. Die ich aber nicht hatte. Was nicht wirklich dazu beitrug, dass Familienfeiern mein Highlight im Leben wurden.

Als ich dann noch in meiner ersten Coachingausbildung feststellen musste, dass man immer von Zielen redete, die ich dann auch noch ausführlich erdenken, erfühlen, er-sonstwas sollte und genau wissen sollte, wie das sein wird, war ich endgültig überzeugt, dass mit mir irgendwas nicht stimmen konnte. Da gibt es sicher irgendso einen Gendefekt, den ich unerkannt mit mir rumschleppe - wieso kann das JEDE/R, nur ich nicht?

Und so versuchte ich mich mit Zielen. Versuchte mir mein Traumauto in allen Einzelheiten vorzustellen ohne dass dauernd eine Stimme dazwischenfunkte, die hinterfragte, ob das orange Auto nicht doch lieber grün sein sollte. Oder rot. Oder blau mit weißer Reling. Und ob 150 PS tatsächlich reichen? Ich versuchte auch mein Leben darauf auszurichten, Pläne zu machen. Den Umsatz zu planen, mein Leben zu planen, mir alles genau vorzustellen...

Ich kürze mal ab. Es ging gnadenlos in die Grütze. Pläne sind sicher etwas Feines für viele Leute. Und manchmal brauche sogar ich einen. Aber Lebenspläne funktionieren für mich definitiv nicht. Ebensowenig wie Berufsplanung. Je mehr ich Pläne machte, desto mehr fühlte ich mich, als hätte mich jemand an einen Lattenzaun getackert - alles läuft vorbei, aber ich kann dem nicht folgen, weil ich ja da sein sollte, wo ich geplant hatte.

Die Umsätze gingen zurück, nichts funktionierte mehr und es kam auch nichts des Weges. Und das orange Auto wurde dann ein weinrotes. Aber ich hatte doch jetzt festgelegt, was ich 'will'?! Wie geht das?

Irgendwann durfte ich dann mit Hilfe einer Mastercoachin erkennen, dass ich etwas lebte, das nicht meins war. Plötzlich kam die Erinnerung zurück - wie war das damals, als ich mit dem Beruf anfing? Ich hatte keine Ahnung gehabt, was ich tun will. Da kam mein damaliger Freund während des Studiums auf die Idee, ich könnte VHS Kurse unterrichten. Dadurch wurde irgendwann jemand auf mich aufmerksam und brachte mich in die Firmentrainings. Und aus Englisch entwickelten sich durch Anfragen auf einmal Kurse für Social Skills, Trainings für gutes Telefonieren, Präsentieren und Geschäftskorrespondenz und viele weitere Dinge, die ich dann tun durfte. Ohne dass ich vorher gewusst hatte, dass mir das Spaß macht oder dass ich das machen will. Die Wege entstanden durch das Gehen. Ich musste nie Werbung machen - in dem Moment, in dem ich Spaß an den Dingen hatte, die ich tat, oder eben einfach offen war, kamen sie von selbst. Und wann immer ich versuchte, mein 'Glück' zu erzwingen, fuhr ich (zweimal buchstäblich) mein Auto in den Graben.

Nicht immer waren die Dinge, die auf mich zukamen, das Richtige für mich. Im Studium habe ich eine zeitlang für eine Zeitung geschrieben. War nicht meins, dementsprechend war ich da zwar nicht unerfolgreich, aber mehr eben auch nicht. Oder ein halbes Jahr als Lehrerin an einem Gymnasium. Die Kids fand ich klasse, aber das ist ja nicht das Einzige, mit dem man sich in dem Job auseinandersetzen muss. Und so war das eben auch nichts. Das sind also Wege, die nicht weitergingen. Aber das ist ok.

Inzwischen habe ich ein tiefes Vertrauen, dass alles so kommt, wie es kommen soll. Ich weiß, dass ich etwas Schönes machen möchte, etwas, das mein Feuer zum Brennen bringt, etwas, das 'worthwhile' ist - wie das so schön auf Englisch heißt. Aber was genau das ist? Entdecke ich beim Gehen. Und das ist gut so.

Die gute Nachricht: Das ist bei jedem/r anders - wenn Sie also gerade beim Lesen gedacht haben: "Wovon faselt die Frau da? Ich wusste immer, was ich will", dann beglückwünsche ich Sie herzlich dazu - es gibt viele Momente, in denen ich wünschte, das könnte ich auch. Aber den Großteil meines Lebens bin ich froh und dankbar, dass mein Leben ohne das Wollen auskommt und ich es fließen lassen kann und darf. Denn ich glaube, das ist auch eine entspannte Art zu leben. Wenn man es erkannt hat und wenn es der richtige Weg ist. Und das ist es eben nicht für jede/n. Völlig ok - für jede/n funktioniert das Leben anders. Das ist gut und richtig. Wer für sich erkannt hat, wie genau das eigene funktioniert, darf glücklich sein. Ich jedenfalls bin es. Ohne Wollen.




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© 2019 Isabell Herzog.