Mind the Gap - oder die Sache mit dem Wein und dem Wasser...

Aktualisiert: 18. Sept 2019

Während meines ersten Studiums wohnte ich in wechselnden WGs. Das Gute an WGs ist, dass man sich selbst gut kennenlernt. Und ich lernte über mich, dass es ein Ende meiner Toleranz gibt.

Eine meiner WG-Partnerinnen war Politik-Studentin wie ich. Wir alle hatten so unsere Steckenpferde im Studium. Ihrs war Umweltpolitik. Sie philosophierte gern über Umweltschutz, die Welt besser zu machen und wie wir dringend unser Leben überdenken müssen. Und fuhr eine Ente, wusch ihre Unterwäsche grundsätzlich auf 95° C (trotz ausführlicher Erklärungen meiner Freundin, ihres Zeichens Hauswirtschaftslehrerin, dass 60°C dieselbe Waschleistung hervorbringe), benutzte gefühlte Tonnen von Weichspüler und ließ überall das Licht an. Es machte mich wahnsinnig.

Wer schon einmal in London U-Bahn gefahren ist, kennt 'mind the gap' - an vielen Haltestellen hört man in stetiger Wiederholung diese Warnung, dass man auf den Abstand zwischen Bahnsteigkante und U-Bahn-Einstieg aufpassen soll. The Gap - der Abstand - ist das, was die Soziologin Brené Brown als den Abstand zwischen den Werten bezeichnet, die man nach außen vertritt und denen, die man tatsächlich lebt. Also Wasser predigen, aber Wein trinken, um mal im christlichen Sprachgebrauch zu bleiben.


Gehen wir mal ins Unternehmen. Auch hier gibt es diese Gaps - und sie können böse Auswirkungen auf die Kultur im Unternehmen haben. In den Interviews, die ich für meine zweite Masterarbeit im Business Coaching und Change Management geführt habe, antwortete mir ein Interviewpartner auf meine Frage, ob sein Unternehmen offen für Veränderungen sei: "Offiziell ja." Er führte aus, dass ganz wunderschöne Präsentationen gehalten würden, viel Geld in Schulungen investiert werde, auch viel Zeit dafür verwendet werde, offiziell kundzutun, wie wichtig Veränderungen seien. Insbesondere wolle das Unternehmen 'offener und transparenter kommunizieren'. In der Praxis sieht dies dann so aus, dass Vorgesetzte den Wechsel ihrer Position erst am Tag desselben tatsächlich an ihre Abteilung kommunizieren dürfen, auch wenn es seit Monaten bekannt war. Transparent und offen geht anders.

Was von außen so einfach aussieht, ist es aber von innen meist gar nicht - wir alle haben unsere blinden Flecke und so merken wir oft nicht, dass wir wieder mal 'the gap' vergessen haben. Was hilft, ist eine Bewusstheit, Fehlertoleranz und vor allem ein offenes Ohr für Menschen im Umfeld, die einen auf solche Ungereimtheiten aufmerksam machen. Im Unternehmen ist dies oft etwas tricky, insbesondere, wenn Angestellte Teil einer Kultur sind, die nicht oder wenig kritikfähig ist. Und wir alle wissen: Wer einmal abgestraft wurde, weil er den Finger in eine Wunde gelegt hat, wird es in Zukunft tunlichst vermeiden, noch einmal den Mund aufzumachen.

Das heißt, es steht und fällt mit der Kultur. Oder auch, wie der Management-Guru Peter Drucker mal so treffend formulierte: "Culture eats strategy for breakfast". Auf Deutsch: Wer keine passende Unternehmenskultur aufweisen kann, braucht mit der Strategie eigentlich auch gar nicht erst anfangen...

Wie immer, ist Veränderung ein langer Weg. Und der beginnt mit einem ersten Schritt. Der könnte sein, das Umfeld, dem man vertraut, einfach mal anzusprechen, sie mögen doch bitte drauf achten, wo so ein gap auftritt. Und sich selbst mal kritisch zu hinterfragen, ob ich denn tatsächlich tue, was ich sage. Das kann auch im Privaten sein - handele ich nach meinen Maximen, die ich an meine Kinder ausgebe, auch selbst? Wo spiegeln mir womöglich Freunde, dass ich inkonsequent bin. Oder messe ich meinen Partner oder meine Partnerin an etwas, was ich selbst nicht tue? Kleiner Spoiler: wenn am anderen etwas so richtig nervt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich an die eigene Nase fassen muss, besonders groß... ;-)

Nur wer sein eigenes Mindset immer wieder anschaut, kann erfolgreich Dinge im außen verändern. Oder wie es Bill O'Brien sagt: "Der Erfolg einer Intervention hängt von der inneren Haltung des Intervenierenden ab." Also sollten wir von dort beginnen. Let's go!

Kleiner Literaturhinweis: Brené Brown: Daring Greatly ist bei Penguin erschienen oder auf Deutsch beim Goldmann Verlag (Verletzlichkeit macht stark)

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© 2019 Isabell Herzog.