Leben auf einem Bein...?!

Manchmal, wenn der Tag lang und spannend war, habe ich abends Lust auf weitere Inspiration. Und da kommt es vor, dass ich mal in Talkshows reinzappe oder sie im Internet an

schaue. So wie gestern. Diesmal war es Markus Lanz und er hatte neben anderen spannenden Menschen Unternehmer und Investor Frank Thelen zu Gast.

Ich mag an Frank Thelen, dass er ein Visionär ist. Wie ich. Und ich glaube, er hat Recht, wenn er sagt, dass es mehr große und visionäre Investitionen braucht, mit weniger Angst und mit der Idee, tatsächlich neue Ideen zu kreieren, von denen wir heute noch nicht wissen, ob oder wie erfolgreich es morgen wirklich funktioniert.

Als Gegenbeispiel brachte er China. Natürlich, so sein und auch mein Credo, will niemand von uns eine Gesellschaft voller Beschränkungen und Big Brother, aber was ist es eigentlich, was wir - neben der Bereitschaft, risikobereiter zu investieren - von China lernen können und sollten?

Es gibt einige Dinge, die mich in meiner Zeit in China tief beeindruckt haben. Und ich glaube, dass dies durchaus interessant wäre, ein wenig unvoreingenommen zu betrachten und daraus zu lernen, wie wir besser vorankommen würden und den Stillstand, an dem sich unsere Gesellschaft und auch unsere Wirtschaft aktuell gefühlt befindet, zu überwinden.

Das eine ist: "Einfach machen." Dies ist die eindrücklichste und wichtigste Erkenntnis, die ich gewonnen habe - einfach mal anfangen.

In China kommen Sie manchmal nicht mal über die Straße, wenn Sie an irgendeinem Punkt nicht einfach mal loslaufen. Während ich oft noch überlege, ob es wohl ok ist, Dinge so oder so zu machen, dann lieber doch noch mal zehn Telefonjoker befrage, einen Coachingprozess mit einem meiner Mastercoachs durchlaufe und danach noch eine Pro- und Contraliste anfertige, sind fünf Leute mit derselben Idee an mir vorbeigelaufen und haben Fuß gefasst. Während ich weiter grübele, ob das tatsächlich funktionieren kann. Shit happens.

Dabei kann man sich nur zum Affen machen, wenn man Angst hat, als Affe angesehen zu werden.

Gehen Sie mal Sonntagmorgens in einen chinesischen Park. Da stehen Fitnessgeräte - und während ich mit meinem deutschen Mindset im Höchstfall ein wenig pikiert und mit einem lustigen Spruch auf den Lippen mal ganz cool vorsichtig probiere, ob es denn gut aussieht, dies Gerät zu benutzen, turnt ein mindestens 85 Jähriger mit Spagat locker an mir vorbei und findet es das Normalste der Welt. Eine junge Frau versucht sich etwas unbeholfen an einem anderen Gerät. Und - man siehe und staune - wird weder belächelt noch bekommt sie einen dummen Spruch an die Wange gepflockt.

Wenn ich immer Angst habe, mich als 'Anfängerin', 'Unwissende' oder 'nicht Perfekte' zu outen, versage ich mir, Dinge zu tun oder Ideen zu äußern, die vielleicht absolut grandios sind, auf diese Art aber vielleicht nie den Weg in die Welt finden. Einfach mal machen.

Ein weiterer Punkt, der mich sehr beeindruckt hat, ist ein gewisser Mangel an Egoismus. Während es ja oft durchaus hilfreich ist, für sich einzustehen und auf sich zu achten, gibt es Formen des 'Ego', die vielem im Wege stehen.

Rechthaben müssen ist so eine Form. Sich um jeden Preis 'verwirklichen' zu müssen - damit man in der Teamleistung aber unbedingt erkennt, dass ICH auch drin war in diesem Team - ist auch etwas, was es wirklich nicht braucht. Und was Dinge einfach elend in die Länge zieht. Während man in Peking mal eben einen Großflughafen in die Gegend baut, in dem Berlin und Brandenburg gefühlt locker Platz hätten, diskutieren wir noch, ob die Schraube an der 5. Ecke im Flughafen BER vielleicht doch noch einmal mehr festgezogen werden müsste...

Sie merken, ich überspitze. Aber mit Grund. Der Chinese sagt: "Wer jeden Schritt vorher überlegt, bringt sein ganzes Leben auf einem Bein zu." Vielleicht wäre es mal an der Zeit, dass wir neben all dem (angebrachten) Stolz auf unsere Freiheit, unsere Errungenschaften und unser Können auch mal hinterfragen, an welchen Stellen wir denn selbstkritisch sagen müssen, dass wir da etwas übers Ziel hinausschießen. Oder, wie einer meiner Gesprächspartner in einer europäischen Institution in Peking formulierte, mal die europäische Arroganz ablegen sollten, dass wir alleine in den Topf der Erkenntnis und Weisheit gefallen sind. Und vielleicht klappt es dann ja auch mal wieder, Anschluss an die Weltspitze wieder zu bekommen und im Markt des disruptiven Wandels zu bestehen. Es wäre uns zu wünschen.


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© 2019 Isabell Herzog.