Der Club der toten Vorsätze

Ja, ich weiß. Alle Newsletter, die Sie (und ich) heute schon bekommen haben, drehen sich ums Thema der guten Vorsätze. Wir können es nicht mehr hören. Ich verspreche aber, dass dieser Text anders ist und die Vorsätze nur eine Nebenrolle spielen - wenn auch eine wichtige.

Wenn Sie kein Computer oder extrem willensstarker und disziplinierter Mensch sind, vermute ich, dass auch Sie zum Club der toten Vorsätze gehören. Rauchen aufgeben, Süßigkeiten entsagen, jeden Tag eine halbe Stunde Sport machen... Irgendwann nehmen sich die meisten Menschen einfach nichts mehr vor. Klappt ja sowieso nicht.

Aber warum denn eigentlich nicht?

In der Change-Theorie gibt es einen sehr wichtigen Punkt am Anfang jedes Veränderungsprozesses, ohne den die Veränderung sich entweder sehr erschwert oder gar unmöglich wird: Den Sense of urgency - oder zu Deutsch, die Dringlichkeit für den Wandel zu begreifen.

Das meint hier mehr als den Prozess, dass meine Ohren das hören und mein Hirn das aufnimmt. Dummerweise ist das nämlich nur der kleinste und tatsächlich unwichtigste Teil dieses Verstehens. Vielmehr muss ich begreifen, fühlen, mit meinem tiefen inneren Wissen des Unterbewusstseins wahrnehmen, dass es so nicht mehr geht, wie es vorher ging...

Sie kennen sicher auch eine der Geschichten, die von einem Menschen im näheren oder weiteren Umfeld erzählen, der oder die beim Arzt war und ebendieser hat DRINGEND geraten, dass besagter Jemand doch unbedingt den Lebensstil ändern müsse. Und wir hören die Geschichte, wie diese/r Jemand aber trotzdem noch raucht, frisst, sauft oder in Jogginghose auf dem Sofa hockt. Und so regen wir uns furchtbar drüber auf - wenn der Arzt das doch sagt?! Wie kann man so blöd sein... Tja, wenn wir dann doch mal näher drüber nachdenken, fassen wir uns an die eigene Nase und denken an die letzten 12 Vorsätze, über die inzwischen viiiiel Gras gewachsen ist...

Diese Geschichte ist nichts anderes als der Club der toten Vorsätze... Gehört, gesagt, vergessen.

Und es ist nichts anderes als bei Ihren Mitarbeiter*innen, wenn Sie und Ihr Unternehmen sich auf den langen Weg eines Veränderungsprozesses machen. Am Anfang, ja, da herrscht Aufbruchstimmung. Sie haben alle wunderbar abgeholt mit Ihrer Einstiegsrede. Und alle brachen sie auf zu neuen Ufern... Und vergaßen diese Ufer auch gleich wieder nach ein paar Tagen: Hab ich doch immer schon so gemacht. Ich bin doch nur ein kleines Rädchen. Hat doch bisher auch geklappt.

Menschen sind Gewohnheitstiere. Und so braucht es neben dem anfänglichen Aufnehmen der Botschaft ca einen Monat, bis es WIRKLICH und nachhaltig im Hirn drin sitzt. Bis es dann der Körper, sprich das doch etwas mächtigere Teil des Unterbewusstseins und des Körperbewusstseins, wirklich verinnerlicht hat... Das kann schon mal ein halbes Jahr dauern. Oder mehr.

Bis es aber dahin kommt, gibt es da noch so eine lästige Hürde. Die nennt sich Motivation und ist auch gern ziemlich gepflegt im Wege, wenn wir unsere guten Vorsätze in die Tat umsetzen wollen. Denn auch Sie wissen sicherlich aus eigener Erfahrung als Kind, dass die Motivation, das Kinderzimmer aufzuräumen, eher dann gegeben war, wenn Sie selbst nachts auf dem Weg zum Klo immer barfuß auf Legosteine getreten sind. Nicht so sagenhaft beeindruckend war dann, wenn Mama mal gebeten hat, das Zimmer für den Sonntagsbesuch vorzeigbar zu machen. Ok, wenn Mama oder Papa eine eher lockere Hand pflegten (was ich Ihnen nicht wünsche), war das vielleicht schneller erledigt. Aber ich wünsche auch Ihren Mitarbeitern nicht, dass eine Ohrfeige die Methode Ihrer Wahl ist.

Eine Schokolade half vielleicht auch. Aber nur, wenn Sie wirklich sonst nie Schokolade bekommen haben und Schokolade Ihr Leibgericht war. Wenn Sie lieber Gummibärchen hatten, war es auch schon wieder hin mit der extrinsischen Motivation.

Und das ist eben auch die Crux bei der Geschichte mit den Motivationsschüben von außen: Sie können niemanden zum Jagen tragen. Selbst wenn Sie tolle Boni anbieten, werden Sie immer wieder Mitarbeiter*innen haben, denen Geld eigentlich ziemlich egal ist. Oder vielleicht zumindest egaler als der Wunsch danach, den Status Quo zu behalten... Und um mal den Spoiler zu geben: Die nächsten Generationen (und die kommen in unserem Arbeitsleben gerade an) werden sich noch weniger damit zufriedener geben, ein dickes Bankkonto zu haben, aber das wissen Sie vielleicht schon aus den Medien oder eigener Erfahrung.

Was ich Ihnen damit sagen möchte: Wer Veränderung zu einem Erfolgskonzept machen möchte, muss begreifen, dass alle (auch man selbst) nur 'ziehen', wenn sie von innen heraus motiviert sind. Bedeutet: Jeder/m muss klar sein, dass Veränderung nötig ist. Jede/r muss dafür brennen, Dinge zu verbessern und mitzugestalten.

Wie man das erreicht? Überlegen Sie mal, was Sie als Mitarbeiter*in bräuchten, damit die Motivation aus Ihnen selbst kommt. Vielleicht die Aussicht auf mehr Spaß an der Arbeit, Möglichkeiten, sich einzubringen, die Vorstellung von dem, was Ihr Unternehmen schaffen kann. Fragen und miteinander reden wirkt da manchmal Wunder (wofür es übrigens dann so Menschen wie mich gibt, die da helfen, gute Antworten zu bekommen).

Und natürlich hilft der Sense of Urgency - das muss nun bitte nicht die ganz dramatische Variante sein wie bei der Veränderung des Lebensstils, wo es oft einen Herzinfarkt o.ä. 'braucht', um sich zu verändern. Aber klar zu wissen, worum es geht, ist von großem Vorteil. Machen Sie Menschen immer wieder klar, dass die Veränderungen nicht passieren müssen, weil Sie auf einem schicken Seminar waren oder ein paar tolle Schlagworte gelesen haben, die gerade in sind. Sondern dass der Wandel einen Grund hat. Dass jeder einzelne Schritt (und sei es ein neuer Arbeitsschitt, ein anderer Arbeitsprozess oder ein weggefallenes Formular) Teil eines wichtigen Ganzen ist und sich Menschen,die davon Ahnung haben, darüber gute Gedanken gemacht haben (im Bestfall die Angestellten selbst und nicht irgendwelche Anzugschnösel von einem namhaften Beraterunternehmen... ;-) ). Und was das bringt, wenn die Abläufe jetzt so und so sind. Wird nicht immer klappen, oft wirkt es aber ziemlich gut - Sie zeigen damit Wertschätzung und Respekt Ihren Mitarbeiter*innen gegenüber und dass Sie sie ernst nehmen. Hat schon viele Türen geöffnet. (Wenn Sie nicht so richtig ahnen, wie das geht, helfe ich Ihnen dabei übrigens auch gern weiter)

Und das mit dem mehr Sport machen? Manchmal muss man sich wohl einfach durchquälen bis es anfängt Spaß zu machen. Oder warten, bis es 'Klick' macht. Oder Sie versuchen es einfach mal mit Legosteinen auf dem Sofa... ;-)

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes, gesundes, erfolgreiches und interessantes Jahrzehnt und viele Herzensprojekte, die Ihnen Erfüllung bringen.


10 Ansichten

© 2019 Isabell Herzog.