Alles nix oder? - Die Sache mit dem Gefühl und der Geschäftswelt

"Eine Hausfrau hat das im Gefühl!" - Wer den unvergessenen Loriot und seinen Sketch des genervten Ehemannes und seiner gefühlvoll eierkochenden Ehefrau kennt, weiß, wie unsinnig Gefühle manchmal sein können. Wir hätten eben doch gern ein Ei, das tatsächlich dreieinhalb Minuten gekocht hat und nicht fünf, weil das Gefühl eben nicht gestimmt hat.

Daraus abgeleitet könnte man darauf kommen, dass Gefühle halt irgendwie in manchen Bereichen nichts zu suchen haben. Da, wo man ZDF braucht - Zahlen, Daten, Fakten. Da, wo tatsächliches "Wissen" gefragt ist. Wo so etwas Unnützes wie Gefühle eben höchstens dazwischenfunkt. Oder?

Neulich in einem Gespräch mit einer Entscheiderin zum Thema Bewerbersichtung: Was sind denn die Kriterien für die Einstellung? "Naja, ich habe da ein Anforderungsprofil und entweder passt das oder eben nicht." Ach so. Und wenn der dann gegenüber sitzt? "Ja, dann schau ich, ob der zu uns passt." Woran machen Sie das denn fest?

Spätestens da fällt auf, dass ein großer Teil eines solchen Prozesses tatsächlich ein Bauchgefühl ist - das sagt mir nämlich die Sachen, die im schicken Bewerbungsbogen nicht zu beantworten sind: Dass Bewerber zu den anderen in der Abteilung passen werden. Dass sie mit dem oder der Vorgesetzten ganz gut klar kommen werden. Oder dass sie Trouble bedeuten. (Das muss ja übrigens nichts Schlechtes sein, aber dazu an anderer Stelle mehr)

Oder nehmen wir gute Verkäufer. Die meisten, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte, bestätigen, dass es an irgendeinem Punkt manchmal so ein Magengrimmen, ein 'sattes' Gefühl, eine Alarmglocke oder ein leises Stimmchen im Hinterkopf gibt, das sagt: "Vorsicht, hier droht Glatteis", "jetzt habe ich es geschafft" oder "hier möchte dich jemand über den Tisch ziehen." Genauso kennen das auch Konsumenten beim Autokauf, im Klamottengeschäft oder wenn sie eine Dienstleistung in Anspruch nehmen möchten. Manchmal fühlt es sich einfach nicht gut an, bei anderen fühlen wir uns wohl und sind bereit, uns auf ein Geschäft einzulassen. Und wir wären tatsächlich wenig weise, wenn wir diesem Gefühl keinen Raum geben.

Gefühl ist eine der Zutaten, die es verdient haben, mehr berücksichtigt zu werden. Auch in der Geschäftswelt. Dumm nur, dass wir oft vor lauter Trubel und täglichem Gedöns nicht wirklich dazu kommen, da mal hinzuhören. Was sagt der Bauch dazu? Wie geht's meinem Herzen damit? Und ebenso schwierig, dass wir oft auch das Gefühl versuchen zu unterdrücken oder zu kontrollieren - ist ja alles nichts, oder?

Und wir können auch noch einen Schritt weiter gehen. Denn tatsächlich haben wir auch eine Art von Wissen, die eben nicht aus ZDF besteht, sondern das in uns schlummert. Meistens schläft es da ganz gut und tief und fest, will ja auch keine/r was von ihm. Weil dieses Wissen auch dummerweise irgendwie oft etwas kryptisch daherkommt. Man kann es meist nicht einfach mal so abgreifen oder ernten, sondern es braucht Ruhe, Vertrauen in sich selbst, zu sich kommen und Raum - bewertungsfrei und angstfrei. Das ist für die meisten noch eine Herausforderung. Aber was wäre die Welt ohne Herausforderungen???

Wer sich darauf einlässt, wird belohnt. Denn wahrhafte Innovationen brauchen komplett neue Ideen. Und die fußen nun mal nicht nur auf Erfahrungen - dann reproduzieren wir immer wieder das, was wir schon haben. Nur in grün. Oder lila. Meinetwegen auch pink mit roten Streifen und Schleifchen. Aber eben nichts wirklich Neues.

Wirkliche Innovation braucht Visionen. Entgegen der Meinung von Helmut Schmidt, weiß ich, dass Visionen kein Zeichen eines krankhaften Zustands sind. Wir leben nicht mehr in Zeiten wie den 70er und 80er Jahren, in denen Pragmatismus vonnöten war. Wir leben in Zeiten, wo wir den zunehmenden und komplexer werdenden Themen nichts mehr entgegenzusetzen haben, wenn wir uns nicht auf zukunftweisende Lösungen konzentrieren. Wir sind mit unserem Latein am Ende, erzählen uns selbst, dass eine Technologie besser ist als der Verbrennungsmotor, die aber bei näherem Hinschauen einfach nur anders schädlich für Menschen und Umwelt ist. Eben dasselbe in grün. Deshalb braucht es diese andere Ebene an Wissen, quasi die 'Weiterentwicklung' des Gefühls. Weil wir das, was alles möglich ist, noch gar nicht denken können. Geht nicht, gibt's nicht - nur in unserem Verstand, der uns an der Stelle eben einfach oft im Weg steht. Wechseln wir mal die Seite des Hirns, dorthin, wo die Kreativität wohnt - und eben auch die Gefühle und das innere Wissen.

Noch viel besser funktioniert das mit dem inneren Wissen, wenn wir es in der Gruppe, in einem gemeinsamen Feld erleben und so auf Ideen kommen, die uns wirklich weiterbringen. Wer wissen und erleben möchte, wie das funktionieren kann, kann sich zum Beispiel mal mit dem Werk von Otto Scharmer vom renommierten MIT auseinandersetzen (s. auch www.presencing.org), an dem inzwischen viele tausend Teilnehmer aus der ganzen Welt teilhaben und wahrhaft Kreatives erschaffen. (Oder natürlich mich in Ihr Unternehmen holen ;-) )

In jedem Fall lohnt es sich, sich diesem inneren Wissen zu öffnen, den Gefühlen und dadurch anzufangen, aus dem Bisherigen auszubrechen. Vielleicht machen wir demnächst lieber ein gutstorming als ein Brainstorming? ;-) Was für eine interessante Vorstellung...






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© 2019 Isabell Herzog.